Nepal Tag 2-10_Pashupatinath

Die Legende berichtet, dass sich Shiva und Parvati am Ufer in Gazellengestalt vergnügten. Als die Götter Indra, Brahma und Vishnu den einhörnigen Shiva einfingen, um ihn zur Rückkehr in seine ursprüngliche Gestalt zu überreden, zersplitterte das Horn und wurde in einen Lingam transformiert. Das Einhorn gehört zu den weltweit verbreiteten Ursymbolen und wird immer wieder mit der Zeugungskraft in Verbindung gebracht.

Bemerkenswerterweise verehren auch die tibetischen Buddhisten diesen Ort unter dem Nabm Gu-Lang als einen der 24 bedeutendsten Plätze religiöser Ausstrahlung und haben ihm die nördliche Speiche des buddhistischen Rades zugewiesen. Nach tibetischer Interpretation soll der Lingam aus sich selbst heraus entstanden sein, während seine Zersplitterung dem Heiligen Jalandhripa zugeschrieben wird, dem Lehrer des populären Goraknath.

Die Beziehung zum Buddhismus gestaltete sich in der Praxis vorübergehend sehr eng, waren doch während der Blütezeit dieser Religion in Nepal buddhistische Priester mit der Leitung des Shiva-Heiligtums betraut, ehe Brahmanen aus Südindien das Amt übernahmen. Diese Tradition besteht bis heute fort. Die Assistenten der vier höchsten Priester müssen  aus der Ortschaft Deopatan stammen und Newari sein. Die Attribute Shivas und Parvatis, Lingam und Yoni, stehen bis heute im Mittelpunkt der kultischen Handlungen, wobei der zersplitterte Lingam als Objekt höchster Verehrung den zentralen Platz im Hauptheiligtum einnimmt. Nur die vier höchsten drawidischen Priester, die Pashupati Bhattas, dürfen ihn berühren.

Auf unserem Weg zum Fluss werden wir von Händlerinnen und Händlern umworben, ihre Waren zu kaufen, Dolche, Halsketten, Gebetsmühlen und diverse Schnitzereien der einzelnen Gottheiten.

Wir gehen am Bagmati entlang. Er ist sehr schmutzig und führt zur Zeit wenig Wasser. Auf dem gegenüberliegenden Ufer befinden sich Verbrennungsstellen. Wir können beobachten, wie ein Schrein zur Verbrennung fertig gestellt wird. Ein Schrein brennt bereits. Es riecht sehr unangenehm, um nicht zu sagen, es stinkt. Die Männer, die diese Arbeit erledigen machen das von Berufswegen. Nur die Männer wohnen der Verbrennung des Familienmitgliedes bei. Die Asche, die bei der Verbrennung übrig bleibt, kommt in den Fluss, der in den Ganges fließt. Wir gehen weiter am Fluss zum Haupttempel.

Die kleine, zwischen den Steinbrücken platzierte Pagode ist der Göttin Vatsala geweiht, einer grausamen tantrischen Gottheit, hinter der sich wahrscheinlich Kali verbirgt. Schöne Schnitzereien am Tympanon und an den Stützbalken zieren dieses kleine Bauwerk, das während des Festes Vatsala Yatra (März/April) im Mittelpunkt religiöser Verehrung steht und mit Reisbier gereinigt wird, das die Gläubigen in Strömen über den Sitz der Gottheit im Heiligtum schütten.

Für Nichthindus ist nur ein Teil der Anlage zugänglich. Der Pashupatinathtempel, der Haupttempel, mit seinen vergoldeten Dächern und die davor liegenden, für das Königshaus reservierten Verbrennungsghats bleiben uns versperrt. Wir gehen einen plattenbelegten Stufenweg bergauf zu einem bewaldeten Hain. Hier auf den Terrassen hat man einen schönen Blick auf das Hauptheiligtum. Wir können von hier aus das religiöse Treiben auf der anderen Seite beobachten.

Wir bestaunen die vielen kleinen Tempelchen auf unserer Flussseite. Sie werden Pandra Shivalaya oder die „15 Wohnsitze Shivas“ genannt. Sie wurden im 19. Jh. nach dem Kot-Massaker als Gedenkstätten für verdiente Adelige angelegt. Dass die Tempel der Verehrung Shivas dienen sieht man daran, dass ein Tier, halb Ratte, halb Hund, mit einer großen Knolle im Nacken vor dem Tempel hockt und im Tempel ist ein Phallus, geschmückt. Hier werden die rituellen Handlungen verrichtet.

Gesäumt wird das gegenüberliegende Ufer von Pilgerherbergen, die während der großen Feste mit Tausenden von Gläubigen gefüllt sind, ansonsten aber armen Familien als Bleibe dienen.

Auch Sadhus und Asketen haben sich auf dem Tempelgelände niedergelassen, darunter die berüchtigten Aghoris, Anhänger einer Shivasekte aus Indien, deren radikale religiöse Praktiken zu manchen Spekulationen Anlass geben. Sie sollen Urin trinken, sich nur von Speiseresten ernähren, Drogen nehmen, tantrische Übungen auf den Verbrennungsplattformen abhalten und sich sogar auf Leichen setzen, um Macht über die Seele des Verstorbenen zu erlangen.

Der Legende nach geht die Gründung der Tempelanlage auf die Regierungszeit König Haridattavarmas zurück, der an dieser Stelle im Jahre 365 ein erstes Heiligtum hatte errichten lassen.