Die Römerstadt Gerasa

Die Ruinen von Jarash, dem antiken Gerasa, sind nach Petra Jordaniens zweitwichtigste Attraktion für Touristen und gelten weltweit als eine der besterhaltensten römischen Siedlungen (https://de.wikivoyage.org/wiki/Jerash). Das moderne Jarash bietet für uns keinerlei Anziehungspunkte.

Gerasa war einst eins der wichtigsten Handelszentren der Antike und Mitglied des reichen Zehn-Städte-Bundes, der Dekapolis, in der römische Hochkultur gepflegt wurde. Seit der „Pax Romana“, dem römischen Frieden im 1. Jh. v.Chr., wurde die Stadt eine wichtige Station für die nabatäischen Handels- und Karawanenwege. Unter dem römischen Kaiser Trajan bildete Gerasa das kommerzielle Zentrum der „Provincia Arabia“. Die Stadt besaß jedoch keine römisch durchgeformte Gesellschaft, sondern war eine multikulturelle Metropole, in der viele Sprachen und Dialekte gesprochen wurden und in der die Schulen griechische und römische Literatur lehrten.

Imposant, was da so an Säulen und Gesteinsbrocken noch da ist. Wir betreten die Anlage durch das Südtor. Im 2. Jh. n. Chr. errichtet, gehörte das Südtor zu einer ca. 3,5 km langen Stadtmauer. Es gibt viele Hinweise darauf, dass auf dem Gelände zwischen dem Tor und dem Triumphbogen eine eigene Siedlung entstehen sollte, möglicherweise gestiftet von dem in dieser Beziehung spendablen Kaiser Hadrian. Linker Hand befand sich der Zeustempel, an einer ovalen Plaza gelegen. Das Gelände, auf dem der mächtige Tempel im 2. Jh. n. Chr. erbaut wurde, hatte bereits in den Jahrhunderten zuvor als Ort der Götterverehrung gedient.

Gewaltig sind die Tonnengewölbe, die den Tempel und die Treppen tragen. Der Tempel – er soll in den nächsten Jahren völlig rekonstruiert werden – ist eingegliedert in das Ovale Forum.

Hinter dem Zeustempel liegt ein wunderschönes, gut erhaltenes Theater mit einer tollen Akustik. Wenn man an einer bestimmten Stelle in der Mitte steht, hört man sein eigenes Echo. Etwa 5000 Zuschauer fasst das Auditorium des im 1. Jh. entstandenen Theaters, das in den Hang gebaut wurde und im 8. Jh. schwer unter einem Erdbeben litt. Die Ausrichtung nach Norden verhinderte, dass die Besucher des Halbrund-Theaters von der Sonne geblendet wurden. Klassisch römisch ist die Bühne mit ihren drei Kulissenzugängen mit zwei seitlichen Bogentoren. Wenn man bis zum obersten Gang hinaufklettert hat man einen wunderschönen Blick auf die antike Stadt und das moderne Jarash.

Die ovale Plaza oder Forum wurde für zeremonielle, kommerzielle und politische Anlässe genutzt. Auf dem Platz ist das Pflaster konzentrisch gelegt. Seine Linie folgt den Kolonnaden. Ungewöhnlich für ein Forum ist die Form, die genau genommen nur beinahe oval ist, eher birnenförmig. Viele Archäologen meinen, das Oval sei ein städtebaulicher Trick gewesen, um die hellenistisch gestaltete Anlage des Zeus-Tempels mit dem römischen Teil der Stadt, der nicht auf der gleichen Achse lag, auf einer Nord-Süd-Achse ideal zu verbinden.

Das Forum und die Kolonnaden bilden den Eingang zum Cardo, der prunkvollen Hauptstraße der Siedlung. In der Mitte des Platzes, dort, wo heute eine Säule steht, befand sich höchstwahrscheinlich ein Opferaltar. Die Cardo, die Kolonnadenstraße, die Achse der römischen Stadt, ist über 600 m lang und ihre Pflasterung ist noch original erhalten. Es sind noch „Stöpsel“ zu finden, die den Zugang zu der unterirdischen Kanalisation ermöglichten. Die Straßenplatten wurden diagonal verlegt, damit sich die Wagenräder nicht eingruben. Man erkennt die Einfurchungen der Karren, die hier in römischer Zeit mit ihren Holzrädern entlang rollten und den Stein aushöhlten. An einigen Stellen erlaubt fehlendes oder weggebrochenes Pflaster einen Blick in die unterirdische Kanalisation, die Cloaca maxima.

Gesäumt ist die Prunkstraße von 260 hauptsächlich korinthischen Säulen, die einst mit den anliegenden Gebäuden eine Einheit bildeten. Zwischen dem Forum und der ersten Straßenkreuzung befanden sich vor allem öffentliche Gebäude und kurz vor der Kreuzung eine runde Agora, ein Marktplatz, der völlig restauriert wurde. Nach der Kreuzung folgen die prunkvollen sakralen Bauten. Die Straßenkreuzung wurde eingerahmt durch ein Tetrapylon – auf vier Sockeln standen vier mal vier Säulen, reich verziert, und teilten so Haupt- und Nebenstraße.

Kurz nach der Kreuzung sehen wir die Reste eine Kathedrale. Im 4. Jh. residierte der Bischof von Gerasa in dieser Kathedrale, für deren Doppelkirche um einen Brunnenhof ein römischer Dionysostempel dem Erdboden gleich gemacht und durch eine dreischiffige Basilika ersetzt wurde. Dass dieser Bau mit Brachialgewalt in das homogene Ensemble hineingezwängt wurde, erklärt, warum die Kathedrale an diesem Platz so deplaziert wirkt. Besonders schön ist der Schrein an der Treppe mit der Jungfrau Maria und den Erzengeln Gabriel und Michael.

Wir erreichen das Nymphäum, Wasserspiele zum Ergötzen der Menschen. Das zweistöckige Brunnengebäude aus dem 2. Jh., von Bürgern gestiftet, zählt zu den besterhaltenen Anlagen von Gerasa. Es wurde im unteren Geschoss mit Marmor verkleidet und oben mit Fresken geschmückt. Sehr viele verschiedene Verzierungen schmücken die Fassaden.

Wir gehen weiter und erreichen auf der Ostseite den monumentalen Eingang zum Artemistempel, die Propyläen. Der Artemistempel ist die imposanteste Anlage der Stadt. Der Tempel selbst ist ein Peripteros und liegt auf einem ca. 4,5 m hohem Podest. Die korinthischen Säulen des Atriums vor dem Tempel sind alle gut erhalten. Die Cella des Tempels mit ihren mit Tympana bekrönten Nischen war mit Marmor verkleidet. Hier stand die Statue der Göttin. Die Tempelanlage betrat man durch ein enges Säulentor, das sich inmitten der Kaufläden des Cardo erhob. In der Säulenhalle durften Bürger ihre Votivgaben und Opfer ablegen. Das Allerheiligste war den Priestern vorbehalten. Die aufsteigende Anlage mit ihren Treppen betonte die Vorstellung von der Göttin, die oben wohnt, und den Normalsterblichen, die zu ihr hinaufsteigen müssen. Man geht sieben mal sieben Stufen nach oben bevor man den Artemistempel erblickt.  Wenn man weiter nach oben geht, verschwindet der Tempel wieder, um dann wieder ganz langsam und in voller Schönheit zu erscheinen. Der Tempel mit 23m mal 40m war eines der wichtigsten Gebäude der Stadt. Von den ehemals 32 korinthischen Säulen (13 m hoch) sind noch elf erhalten. Der Artemiskult starb im 5. Jh. aus, als Christen Gerasa zu beherrschen begannen. Teile des Baus wurden für Kirchen verwendet.

Es wurden diverse byzantinische Kirchen ausgegraben, deren Reste im Anschluss an den Tempel zu sehen sind. Privatleute stifteten aus Verehrung für die Heiligen Johannes den Täufer, Georg, Cosmas und Damian im 6. Jh. diese drei Kirchen, die in die Anlage eingepasst wurden und die christliche Glaubensausrichtung Jarashs in jener Zeit vor der Islamisierung widerspiegeln.

Die Dreiheit, ein Glaubenswert schon im vorchristlichen Orient, schlägt sich in der Architektur nieder. Die Kirchen haben einen gemeinsamen Vorhof und gemeinsame Seitenmauern und entstanden auf den Grundfesten eines zerstörten Tempels. Bemerkenswert sind vor allem in der Cosmas- und der Damian-Kirche die Bodenmosaike, die die lebendige Natur zeigen und in der Johanneskirche das Stadtbild des ägyptischen Alexandria.

Wir gehen zum Ausgang zurück und schauen uns den Hadriansbogen, den Triumphbogen, genauer an. Man sieht den Triumphbogen schon von der Straße aus, ehe man das Ausmaß der antiken Siedlung überhaupt erkennt. Er wurde im Jahre 129 zu Ehren des Kaisers Hadrian erbaut, als dieser der Stadt einen Besuch abstattete. Obwohl auch heute noch imposant, war der ursprünglich mit Holzpforten versehene Bogen damals etwa doppelt so hoch wie heute.

Dahinter liegt das Hippodrom, einst eingerahmt von Tribünen für 15.000 Zuschauer, denen hier Pferderennen und antike Leichtathletikturniere geboten wurden. Es ist eine beeindruckende Anlage, die da vor unseren Füßen liegt. Was muss hier einmal für Trubel gewesen sein.

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